Wie lässt sich die Eignung einer Tour für ein Elektrofahrzeug bewerten?
27. Juli 2026
Eine Tour mit durchschnittlich 80 km und ein Transporter mit 250 km WLTP-Reichweite wirken auf den ersten Blick wie eine eindeutige Kombination.
Das Problem: Diese Gegenüberstellung beantwortet eine zu einfache Frage.
Entscheidend ist nicht, ob das Fahrzeug den Durchschnittstag schafft. Es muss die Tourfamilie mit Reserve wiederholt bewältigen — auch bei Kälte, höherer Zuladung, Umwegen oder einem niedrigeren Start-SOC.
Die Eignung einer Tour ergibt sich nicht aus zwei Zahlen. Dafür braucht es die Verteilung der realen Fahrten, eine belastbare Energieannahme und eine klare Antwort auf Abweichungen.
Der Durchschnitt verdeckt die Struktur des Betriebs
Zwei Flotten fahren im Mittel jeweils 80 km pro Tag.
| Betrieb A | Betrieb B | |
|---|---|---|
| Typische Touren | 70–90 km | Viele Tage mit 45 km |
| Anspruchsvolle Tage | Selten | Mehrfach 145–160 km |
| Streuung | Niedrig | Hoch |
| Wahrscheinliche Folge | Stabile Zuordnung | Regeln und Reserve nötig |
Der Mittelwert ist gleich. Das Elektrifizierungsrisiko ist es nicht.
Im ersten Betrieb kann ein Fahrzeug einer relativ stabilen Tourfamilie zugeordnet werden. Im zweiten gleichen die kurzen Tage die langen statistisch aus. Das hilft jedoch nicht an dem Tag, an dem 160 km tatsächlich gefahren werden müssen.
Der Durchschnitt beschreibt die Daten. Er plant nicht den Betrieb.
Welche Kennzahlen zusätzlich wichtig sind
Für eine erste Bewertung sollten mindestens folgende Werte vorliegen:
- Median: beschreibt den zentralen Tag bei Ausreißern oft besser als der Mittelwert.
- P90: Distanz oder Energie, die an rund 90 % der Tage nicht überschritten wird.
- Maximum: der anspruchsvollste gemessene Fall.
- Häufigkeit der Extremwerte: trennt einen Einzelfall von einem wiederkehrenden Muster.
P90 zwingt die Analyse über den Durchschnitt hinaus, ohne die gesamte Flotte auf einen historischen Spitzenwert auszulegen. Allein reicht der Wert dennoch nicht.
Eine Tourfamilie mit P90 von 120 km und einem Maximum von 125 km ist etwas anderes als eine mit demselben P90 und mehreren Tagen bei 190 km. Ebenso wichtig ist die Ursache: eine Störung, eine einmalige Aktion oder ein Kunde, der die Tour jeden Freitag verlängert.
P90 erlaubt keine zehn Prozent Ausfälle
Mit P90 zu planen bedeutet nicht, dass die restlichen Tage scheitern dürfen.
Vielmehr werden zwei Entscheidungen getrennt:
- Wie wird der anspruchsvolle Regelbetrieb mit Reserve ausgelegt?
- Wie reagiert die Flotte auf Ereignisse außerhalb dieses Szenarios?
Eine Batterie, die jedes historische Maximum abdeckt, kann eine Unsicherheit beseitigen. Dafür entstehen oft andere: höhere Kosten, mehr Gewicht, weniger Nutzlast und ein im Alltag überdimensioniertes Fahrzeug.
Robustheit bedeutet nicht, jede Ausnahme technisch unmöglich zu machen. Robustheit bedeutet, die relevanten Ausnahmen zu kennen und angemessen darauf zu reagieren.
Kilometer sind keine Energie
Zwei Touren mit 120 km können einen deutlich unterschiedlichen Energiebedarf haben.
Zuladung, Straßentyp, Anzahl der Stopps, Temperatur, Heizung, Kühlung, Aufbau, Höhenprofil, Wind, Geschwindigkeit, Verkehr und Nebenverbraucher verändern das Ergebnis.
Distanz × angepasster Verbrauch Der angepasste Verbrauch sollte reale Bedingungen oder ein vorsichtiges Szenario abbilden, nicht den besten Herstellerwert.
Eine dichte Stadttour profitiert von Rekuperation, verbringt aber mehr Zeit mit Nebenverbrauchern. Eine Autobahntour hat weniger Stopps, dafür höhere aerodynamische Verluste und dauerhaft hohe Geschwindigkeit.
Einen einzigen Verbrauchswert für die gesamte Flotte gibt es deshalb nicht.
WLTP-Reichweite und nutzbare Betriebsenergie
WLTP ist für den Fahrzeugvergleich hilfreich. Als tägliches Energiebudget ist der Wert ungeeignet.
Die tatsächlich nutzbare Energie hängt ab von:
- nutzbarer Batteriekapazität;
- realem Start-SOC;
- Mindestreserve bei Rückkehr;
- erwarteter Degradation;
- Verbrauch unter den Tagesbedingungen;
- verfügbarer Leistung und Zeit für die nächste Ladung.
Eine Flotte sollte nicht mit 100 % Abfahrt und 0 % Rückkehr planen.
nutzbare Batterie × (Start-SOC − Rückkehrreserve) Bei 68 kWh nutzbarer Batterie, 90 % Start-SOC und 15 % Reserve stehen 51 kWh für die Tour zur Verfügung.
Diese Zahl ist für die Einsatzplanung deutlich wertvoller als die beworbene Reichweite.
Die Tour beginnt in der Nacht zuvor
Eine Tour kann mit voller Batterie technisch machbar und im Alltag trotzdem fragil sein.
Ein verspätetes Fahrzeug, ein vergessener Anschluss, ein belegter Ladepunkt, eine fehlgeschlagene Sitzung, eine zweite Einsatzwelle oder eine vorgezogene Abfahrt können den Ziel-SOC verhindern.
Der Start-SOC gehört deshalb zur Toureneignung. Wenn eine Tourfamilie jeden Morgen 95 % benötigt, muss der Betriebshof diesen Wert genauso zuverlässig liefern wie jede andere Voraussetzung der Abfahrt.
Route Fit und Depot Fit sind nicht getrennt: Eine geeignete Tour setzt voraus, dass der Betriebshof den geplanten Start-SOC sicherstellt.
Die Folgen eines Ausfalls bestimmen die Reserve
Nicht jede Tour sollte mit derselben Reserve gefahren werden.
Eine dichte Stadttour mit Fahrzeugen in der Nähe und einfacher Umverteilung kann enger geplant werden. Eine Regionaltour mit Medikamenten, Kühlware, festen Zeitfenstern oder hochwertiger Fracht braucht eine konservativere Regel.
Neben der Ausfallwahrscheinlichkeit sind wichtig:
- Kosten der Störung;
- Verfügbarkeit eines Ersatzfahrzeugs;
- Möglichkeit einer Zwischenladung;
- Auswirkung auf den Kunden;
- Zeit bis zur Wiederherstellung des Betriebs.
Eignung ist nicht nur eine physikalische Frage. Sie ist auch eine Risikoentscheidung.
Eine sinnvollere Klassifizierung als Ja oder Nein
| Einstufung | Bedeutung | Typische Bedingungen |
|---|---|---|
| Geeignet | Ausreichender Puffer im definierten Szenario | Keine außergewöhnliche Bedingung erforderlich |
| Bedingt geeignet | Machbar, aber nur mit klaren Regeln | Bestimmtes Fahrzeug, hoher Start-SOC, Nutzlastgrenze, Zwischenladung oder Abweichungskontrolle |
| Noch nicht prioritär | Sollte nicht in Phase eins aufgenommen werden | Energiebedarf, Streuung oder Ausfallfolge sind für den aktuellen Aufbau zu hoch |
„Noch nicht prioritär“ bedeutet nicht „für immer unmöglich“. Es weist auf eine bessere Reihenfolge hin.
Beispiel: Eine Tourfamilie mit irreführendem Durchschnitt
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Mittelwert | 82 km |
| Median | 76 km |
| P90 | 126 km |
| Maximum | 154 km |
| Angepasster Winterverbrauch | 31 kWh/100 km |
| Nutzbare Batterie | 68 kWh |
| Geplanter Start-SOC | 90 % |
| Mindestreserve | 15 % |
68 × (0,90 − 0,15) = 51 kWh 126 × 31 ÷ 100 = 39,1 kWh Auf dem Papier bleibt Reserve. Die Einstufung hängt trotzdem von konkreten Fragen ab:
- Reicht die Nutzlast des vorgeschlagenen Fahrzeugs?
- Tritt das Maximum von 154 km einmal oder wöchentlich auf?
- Kann der Betriebshof 90 % Start-SOC garantieren?
- Enthalten 31 kWh/100 km alle Nebenverbraucher?
- Gibt es eine Alternative bei einer Verlängerung der Tour?
Je nach Antwort ist die Tour geeignet oder bedingt geeignet. Der Mittelwert von 82 km entscheidet das nicht.
Eine geeignete Tour ist noch keine elektrifizierbare Flotte
Wenn mehrere Touren um die Fahrzeuge mit der größten Batterie oder um dieselben Ladepunkte konkurrieren, ändert sich das Ergebnis.
Die erste Flottenphase muss prüfen:
- wie viele kompatible Fahrzeuge verfügbar sind;
- welche Touren Priorität haben;
- welche Reserve für Störungen bleibt;
- ob Fahrzeuge getauscht werden können;
- ob der Betriebshof die gesamte Kombination laden kann;
- was bei Wartung oder Ausfall eines Fahrzeugs geschieht.
Eine Flotte kann zehn einzeln geeignete Touren haben und trotzdem nur sechs Elektrofahrzeuge robust einsetzen.
Genug Daten für den Einstieg
Eine vollständige Telematikintegration ist nicht immer nötig. Eine repräsentative Stichprobe reicht häufig, um geeignete, bedingte und ungeeignete Touren zu trennen.
Typische Mindestdaten sind:
- historische Distanzen;
- Abfahrts- und Rückkehrzeiten;
- Anzahl der Stopps;
- Nutzlast oder Art der Ware;
- Straßentyp;
- eingesetzte Fahrzeuge;
- wiederkehrende Abweichungen und Störungen;
- grundlegende Standortdaten.
Telematik erhöht die Genauigkeit und hält das Modell aktuell. Sie sollte aber nicht als Grund dienen, eine erste Bewertung aufzuschieben.
Typische Fehler
- Durchschnittsdistanz mit WLTP-Reichweite vergleichen.
- Den günstigsten Herstellerverbrauch verwenden.
- Jeden Start mit 100 % annehmen.
- Keine Rückkehrreserve vorsehen.
- Winter, Degradation und Nebenverbraucher ignorieren.
- Touren ohne Prüfung des Betriebshofs bewerten.
- Die größte Batterie kaufen, um jede Unsicherheit zu vermeiden.
- Eine bedingte Tour ohne dokumentierte Bedingung als geeignet behandeln.
- Nur triviale Touren elektrifizieren, ohne den nächsten Schritt zu planen.
Eine belastbare Entscheidungsfolge
- Wirklich vergleichbare Touren gruppieren.
- Median, P90, Maxima und Häufigkeit der Extremwerte analysieren.
- Verbrauch unter realen Bedingungen schätzen.
- Start-SOC und Mindestreserve festlegen.
- Nutzlast, Volumen und Fahrzeuggrenzen prüfen.
- Ausfallfolgen und Alternativen bewerten.
- Das Ergebnis mit der Depotkapazität abgleichen.
- Touren klassifizieren und eine Flottenphase auswählen.
- Mit realen Daten validieren und Annahmen anpassen.
Nach der Tourenergie folgt die Frage, ob der Betriebshof sie zurückladen kann. Lesen Sie, wie Ladepunkte für eine Letzte-Meile-Flotte dimensioniert werden, oder testen Sie ein Szenario im Depot-Laderechner.